Invertito 18 - Editorial

Invertito – Jahrbuch für die Geschichte der Homosexualitäten

Liebe Leserinnen und Leser,

die großen Linien der schwullesbischen Geschichte seit Beginn des 20. Jahrhunderts sind heute überwiegend gut aufgearbeitet und in einer längst kaum überblickbar gewordenen Zahl an Publikationen greifbar. Doch trotz kontinuierlicher und intensiver Forschungen zur Geschichte gleichgeschlechtlich liebender Menschen sind längst nicht alle Aspekte ausgeleuchtet. Erst die mikrogeschichtliche Aufarbeitung von Ereignissen, Entwicklungen und Einzelschicksalen – eine Herangehensweise, die in der vorliegenden 18. Ausgabe von Invertito gleich von mehreren AutorInnen gewählt wurde – vermag ein "dichtes" oder doch zumindest immer "dichteres" Bild der Vergangenheit zu geben.

Der Reigen der größeren und kleineren Beiträge beginnt mit einem Beitrag Heike Schaders, in dem sie dank akribischer Quellenrecherche den 1929 erfolgten Zusammenschluss der beiden Berliner Damenklubs Violetta und Monbijou nachzeichnet und dabei sowohl auf den Kontext der einschlägigen Berliner Vergnügungsorte eingeht als auch die teilweise von finanziellen Interessen geprägten Strategien der in unterschiedlicher Weise in den Zusammenschluss involvierten Organisationen und ProtagonistInnen aufzeigt. Raimund Wolfert beleuchtet in seinem Beitrag das bisher in der Forschungsliteratur nirgends erwähnte Schicksal des homosexuellen Opernsängers und Auschwitz-Überlebenden Karl Kipp, dessen Lebenslauf – etwa in der Haltung zur nationalsozialistischen Ideologie – von Ambivalenzen gezeichnet war. Aufgrund seiner Erfahrungen bei der Recherche plädiert Wolfert dafür, bei der Forschung zu homosexuellen KZ-Häftlingen nicht allein die Verfolgungsakten, sondern verstärkt auch die Erinnerungsliteratur zu berücksichtigen. Ambivalenz ist ein Stichwort, das ebenfalls zu Stephan Jarays Beitrag passt. Auf der Basis des Nachlasses der Barbesitzerin Mary Lang, den er im Auftrag des Schwulenarchivs Schweiz aufgearbeitet hat, zeichnet er nach, wie sich die Zürcher Mary’s Old Timers Bar vom Ende der 1940er Jahre bis zum Beginn der 1970er Jahre von einer "Herren-" zu einer "Schwulenbar" entwickelte. Die schriftlichen Quellen und die dazu ergänzend ausgewerteten Interviews mit ZeitzeugInnen lassen dabei nicht nur offen, wie bewusst die Barbesitzerin diese Entwicklung steuerte, sondern zeigen auch, dass die Bar keineswegs von allen Besuchern als Homosexuellentreffpunkt wahrgenommen wurde. Mit dem Beitrag von Christopher Treiblmayr machen wir einen Sprung in die jüngere Geschichte. Am Beispiel von Sönke Wortmanns Der bewegte Mann von 1994 und Jochen Hicks No One Sleeps von 2000 behandelt er die nach Jahren der Tabuisierung und negativen Stereotypisierung neue Sichtbarkeit mannmännlicher Liebe im deutschen Kino der 1990er Jahre und interpretiert diese Entwicklung als Folge des Wegbruchs hegemonialer Männlichkeitsmodelle.

In gewissem Sinne als "Nebenprodukt" ihrer Recherchen zu den Berliner Damenklubs kann Heike Schader im ersten Aufsatz der Rubrik "Kleinere Beiträge" aufzeigen, dass es sich bei dem 2007 von einem Antiquariat angebotenen Konvolut der bis dahin gänzlich unbekannten Zeitschrift Liebende Frauen von 1927 um bis auf den Titel identische Ausgaben der bekannten Frauenzeitschrift Frauenliebe handelt. Der Grund für diese etwas mysteriöse Umbenennung lässt sich nicht mehr sicher eruieren, hängt aber möglicherweise mit Querelen innerhalb der Herausgeberschaft oder mit finanziellen Unstimmigkeiten zusammen. 1927 ist auch das Jahr, in dem es im Zusammenhang mit der diffamierenden Darstellung von Homosexuellen in einem Theaterstück zur ersten bekannten öffentlichen Demonstration von Lesben und Schwulen in Deutschland kam. Jens Dobler ist bei seinen Recherchen auf polizeiliche Unterlagen gestoßen, welche die bisher nur in einem Artikel des von Friedrich Radszuweit herausgegebenen Freundschaftsblattes geschilderten Ereignisse nun auch mit archivalischen Quellen belegen. Ariane Rüdiger erinnert in ihrem Beitrag an den Münchner Arbeitskreis Uferlos Lesbenpolitik, der sich um 1990 in einer konservativen Phase der deutschen Politik für die Sichtbarkeit und die Rechte lesbischer Frauen kämpfte. In ihrer Darstellung des in einzelnen Aspekten erfolgreichen Kampfes stützt sie sich zum einen auf das Archiv des Arbeitskreises, zum anderen auf Interviews mit Frauen, die sich im Arbeitskreis engagiert hatten. Die Sparte der kleineren Beiträge endet mit Thomas Sparrs Würdigung des Schriftstellers Hubert Fichte, die anlässlich des letzten Bandes von dessen Geschichte der Empfindlichkeit am 1. März 2006 in der Frankfurter Rundschau erschienen ist und die es unseres Erachtens mehr als wert ist, mit diesem Wiederabdruck der "journalistischen Tages-Vergesslichkeit" entrissen zu werden.

Den Abschluss bilden wie immer Rezensionen zu neueren Publikationen aus dem Bereich der Geschichte der Homosexualitäten.

Die weitgehend auf ehrenamtlicher Arbeit basierende Herausgabe des Jahrbuches ist nur mit einem großen Zeitaufwand realisierbar, der oft nur schwer mit den Anforderungen und dem Engagement im Berufsleben in Einklang zu bringen ist. Umso erfreulicher ist es, dass unser Aufruf zur Mitarbeit auf ein so großes Echo gestoßen ist, dass wir die Redaktion leicht umorganisiert haben. Neu zur Kernredaktion gehört Rüdiger Lautmann. Zur neu eingeführten erweiterten Redaktion, deren Mitglieder sich je nach Interessenlage an der Redaktion einzelner Beiträge und Rezensionen beteiligen, gehören Kirsten Plötz, Albert Knoll und Andreas Brunner, die bereits redaktionell tätig waren, sowie neu Marita Keilson-Lauritz, Filippo Carlà-Uhink, Tom Brüstle, Annalena Willer und Christopher Ewing. Wir hoffen mit diesem vergrößerten Team die Arbeit am Jahrbuch für viele weitere Jahre fortführen zu können.

Kurz vor Redaktionsschluss hat uns die Nachricht vom Tod Wolfgang Popps erreicht. Insbesondere die von ihm in Zusammenarbeit mit Gerhard Härle und Marita Keilson-Lauritz herausgegebene Zeitschrift Forum Homosexualität und Literatur hat weit über die Grenzen der Sprach- und Literaturwissenschaften hinaus einen besonderen Stellenwert in der jüngeren Geschichte der Schwulenbewegung. Einen ausführlichen Nachruf werden wir in der nächsten Ausgabe von Invertito veröffentlichen.

Leider müssen wir an dieser Stelle gleich noch eine traurige Nachricht anfügen. Herbert Potthoff, engagiertes Mitglied des Centrums Schwule Geschichte Köln, seit dem zweiten Jahrbuch aus dem Jahr 2000 festes Redaktionsmitglied und seit vielen Jahren im Vorstand des FHG, ist nach langer und schwerer Krankheit im Juni 2017 verstorben. Wir trauern um einen Freund und Kollegen, der eine große Lücke hinterlässt.

Die Redaktion




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