Invertito 17 - Editorial

Invertito – Jahrbuch für die Geschichte der Homosexualitäten

Liebe Leserinnen und Leser,

liebe LeserInnen, liebe Leser_innen, liebe Leser*innen ... Welchen gesellschaftlichen Stellenwert formale Sprachregelungen innehaben, lässt sich leicht an den emotionsbeladenen Diskussionen erkennen, die jede Änderung der offiziellen Rechtschreib- und Grammatikregeln sowie Versuche, bestehende Konventionen zu verändern, begleiten. Das gilt erst recht, wenn die neue Schreibweise gesellschaftliche Normen nicht nur hinterfragen, sondern auch zu deren Veränderung beitragen soll, wie das bei der Einführung des sogenannten Binnen-Is in progressiven Medien Mitte der 1980er Jahre der Fall war. Für die Redaktion von Invertito war die Verwendung des Binnen-Is von Anfang an Teil des Bestrebens, die AutorInnen darauf zu verpflichten, in ihren Formulierungen die Geschlechterverhältnisse zu berücksichtigen. Das gestiegene Bewusstsein, dass es jenseits der heteronormativitätsgeprägten Dichotomien von "Frau/Mann" und "Homo-/Heterosexualität" eine Vielzahl von biologischen und sozialen Geschlechtern und Lebensentwürfen gibt, hat u. a. mit dem sogenannten Gender Gap und dem Gender-Stern auch zu neuen Schreibweisen geführt. Im Sinne dieser Diversität hat die Redaktion entschieden, zwar weiterhin die Verwendung des Binnen-Is als Standard zu definieren, aber den AutorInnen freizustellen, alternative Schreibweisen zu wählen.

Diversität ist ohne Zweifel auch das passende Stichwort für die große inhaltliche Bandbreite der vorliegenden Aufsätze: In ihrer methodisch durchdeklinierten Auseinandersetzung mit lesbischer und schwuler Erinnerungskultur und Erinnerungspraxen im öffentlichen Raum bietet Christiane Leidinger ein engagiertes Plädoyer für einen hochreflektierten und kritischen Umgang mit Platz- und Straßenbenennungen, der Widersprüche in den Biographien der NamensgeberInnen nicht ausblendet und mit dem Ziel des Empowerments und Powersharings ein stärkeres Gewicht auf die Erinnerung an kollektive Organisationsformen und bedeutende Ereignisse in der LBGTQ*-Emanzipationsgeschichte legt. Christiane Carri geht auf der Grundlage ihres Dissertationsprojektes zu Entmündigungsverfahren gegen Frauen im Kaiserreich und der Weimarer Republik der Frage nach, wie und wieweit sich der wissenschaftlich-psychiatrische, aber auch der politische Diskurs zu weiblicher Homosexualität in den Entmündigungs­akten von lesbischen Frauen in der Weimarer Republik niederschlägt. Mit dem Beitrag von Kim Trau machen wir einen Schritt in die jüngere LBGTIQ*-Geschichte. Sie beleuchtet die in den bundesdeutschen Mainstreammedien geführte Auseinandersetzung rund um das 1980 verabschiedete Trans­sexuellen-Gesetz, geht aber gleichzeitig auch auf verschiedene im Laufe des Gesetzgebungsverfahrens an den Bundestag gerichtete Petitionen von direkt betroffenen Personen ein.

Der Reigen der kleineren Beiträge wird von Raimund Wolfert mit der Recherche zu einer "unscheinbaren" Adresskarte mit einer Reihe von Namen schwedischer Personen eröffnet. Die Karte stammt von Adolf Brand und verdeutlicht, welche Bedeutung "Networking" bereits in dieser frühen Phase der Homosexuellenemanzipation hatte. Obwohl Invertito in der Regel keine bereits andernorts veröffentlichten Beiträge abdruckt, erscheint in leicht überarbeiteter Form ein Aufsatz von Ralf Bogen zur Homosexuellenverfolgung in Stuttgart in den Nachkriegsjahren. Der Bruch mit der selbst auferlegten Regel rechtfertigt sich insofern, als der Beitrag mit seinem geographischen Schwerpunkt eine Lücke in einer Reihe von im Jahrbuch erschienenen Beiträgen zur Verfolgungsgeschichte zu schließen vermag. Patsy L’Amour laLove widmet sich mit der Geschichte der schwulen Pornografie einem "Schmuddelkind" des Bürgertums. Patsy L’Amour laLove zeigt dabei auf, wie eng allgemeine gesellschaftliche Trends mit der Darstellung der Pornoprotagonisten verknüpft sind und wie stark die gegenseitige Beeinflussung von Körper- und Schönheitsbildern und (sexuellen) Verhaltensnormen ist.

Den Abschluss des Jahrbuches bilden wie immer die Rezensionen einer Auswahl neuerer Publikationen zur Geschichte der Homosexualitäten.

Die Redaktion




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